Wann Mandeln entfernt werden

Müssen die Mandeln wirklich entfernt werden?



Es vergeht fast kein Tag, an dem nicht ein Patient vollkommen aufgelöst in meiner Sprechstunde erscheint und fragt, ob man seine Mandeln entfernen müsse. Noch aufgeregter sind natürlich Eltern.

Die Indikation zur Mandelentfernung (Tonsillektomie) wird in den letzten Jahren immer zurückhaltender gestellt. War es vor Jahren noch so, dass man vom alleinigen anschauen empfohlen hat, die Mandeln zu entfernen, so hat man heute recht gute Leitlinien an der Hand, wann denn nun die Mandeln dem OP - Hund geopfert werden müssen.

Noch bis vor ein paar Jahren richtetet man sich nach den so genannten „Paradise - Kriterien“ aus dem Jahr 1984. Diese rieten zu einer Mandelentfernung wenn:

- 7 oder mehr Mandelentzündungen im letzten Jahr auftraten, oder
- 5 oder mehr Mandelentzündungen in JEDEM der beiden letzten Jahre oder
- 3 oder mehr Mandelentzündungen in JEDEM der drei letzten Jahre.

Diese Kriterien wurden von der aktuellen deutschen Leitlinie abgelöst.

Der positive Effekt einer Mandeloperation im Hinblick auf Halsschmerzen wird in der aktuellen Leitlinie mehr als nur bezweifelt. So sieht man allenfalls einen positiven Effekt der jährlichen Halsschmerz - Episoden innerhalb der ersten zwölf Monate nach der Operation bei Kindern. Bei Erwachsenen findet man den positiven Effekt sogar nur in den ersten fünf bis sechs Monaten nach der Mandelentfernung. Schon aus diesem Grund sollte man mit der Indikation zur Mandelentfernung zurückhaltend sein. Die verantwortlichen Wissenschaftler raten deshalb zu weiteren Studien.

Der Effekt einer Mandelentfernung auf die Lebensqualität wird tendenziell positiv beurteilt, aber auch hier besteht noch weiterer Forschungsbedarf, um dies besser messen und somit auch beurteilen zu können.

Wann sollten nun die Mandeln entfernt werden?




Eine Empfehlung zur Mandelentfernung wird jetzt ausgesprochen auf Grundlage der Anzahl der „Episoden“ in den letzten 12 Monaten.

Eine Episode ist eine ärztlich diagnostizierte und mit Antibiotika behandelte EITRIGE Mandelentzündung.

- Liegen drei oder weniger dieser Episoden vor, ist die Mandelentfernung (Tonsillektomie) keine Option.
- Liegen drei bis fünf Episoden vor, so ist die Tosillektomie eine mögliche Option, wenn sich innerhalb der nächsten sechs Monate weitere Episoden ereignen und die Zahl 6 erreicht wird.
- Bei sechs oder mehr Episoden, ist die Entfernung der Mandeln eine therapeutische Option.

Gerne fasse ich es in normalen Worten wieder zusammen. Nicht die subjektiv empfundenen Halsschmerzen sind das Maß der Dinge, sondern die ärztlich diagnostizierte, eitrige Mandelentzündung. Die Anzahl der Halsschmerzen im ersten Jahr nach der Operation wird sich bei den Kindern reduzieren. Bereits im zweiten Jahr nach der OP haben sie wieder genauso oft Halsschmerzen wie zuvor.

Bei Erwachsenen hält der positive Effekt bei Halsschmerzen nur wenige Monate an.

Reicht vielleicht auch eine Verkleinerung?


Eine sympathische Alternative zur kompletten Mandelentfernung wäre eine Verkleinerung der Mandeln (sog. Tonsillotomie). Folgende Voraussetzungen gelten für Kinder und Jugendliche:

Die Tonsillen verlegen den Rachen mehr als 25 Prozent (sog. Brodsky Grad 1)

Oder die Zahl der „Episoden“ in den letzten 12 Monaten: Weniger als drei Episoden sind keine Indikation zur Verkleinerung der Mandeln (Tonsillotomie)

- Bei drei bis fünf Episoden ist die Tonsillotomie eine mögliche Option, wenn sich innerhalb der nächsten sechs Monate weitere Episoden ereignen und die Zahl 6 erreicht wird.

- Bei mehr als sechs Episoden ist die Verkleinerung der Mandeln eine therapeutische Option.

Die Tonsillotomie ist eine Alternative zur kompletten Entfernung bei Kindern und Jugendlichen. Der positive Effekt ist dem der Mandelentfernung gleich, das Risiko einer Nachblutung und die postoperativen Schmerzen deutlich geringer. Momentan werden Studien gesammelt, die untersuchen, ob eine Verkleinerung der Mandeln auch bei Erwachsenen eine sinnvolle Therapieoption darstellen.

Bei dauerhaftem, starkem Schnarchen der Kinder und Jugendlichen, das eventuell sogar mit Atemaussetzern verbunden ist, kann eine Verkleinerung der Mandeln vielleicht in Kombination mit der Entfernung der Rachenmandel (Adenoide, kindliche „Polypen“) wahre Wunder bewirken. Viele Eltern berichten, dass sie bereits in den ersten Nächten nach der Operation nachschauen mussten, ob das liebe Kind überhaupt noch atme. (Keine Sorge, sie tun es ;-))

In den meisten Kliniken wird die Verkleinerung der Mandeln in Vollnarkose und dem Laser durchgeführt. Üblicher Weise sollten sie eine Nacht in der Klinik einplanen.

Sie sehen, die Entscheidung zur Operation der Mandeln ist bei weitem nicht mehr so einfach wie früher, aber durchaus besser geregelt. Jeder verantwortungsvolle Arzt muss individuell anhand der oben genannten Kriterien eine Entscheidung für seinen Patienten treffen.

Ich hoffe, ich konnte ihnen eine kleine Hilfestellung bieten. Wenden sie sich vertrauensvoll an ihren Hals- Nasen- Ohrenarzt. Er wird sie bestimmt besser beraten können, als dieser Artikel es kann.

Ich wünsche Ihnen oder ihrem Kind viel Erfolg und eine gute Besserung!