Spritze ins Ohr bei Tinnitus

Tinnitus Spritze ins Ohr

Spritze ins Ohr- Hoffnung für chronischen Tinnitus

Ich habe gerade eine Forschungsarbeit aus Ägypten gelesen, über die ich sie gerne informieren würde. In der Arbeit ging es über die Wirkung einer intratympanalen Injektion eines Gemischs aus Cortison und einem lokalen Betäubungsmittel bei chronischem Tinnitus und es zeigten sich erstaunliche Ergebnisse, die mich überlegen lassen, ob ich diese Therapie in meiner Praxis anbieten soll.

Seit 2005 führe ich die intratympanale Kortikoidtherapie bei Hörsturz mit/ohne Tinnitus durch. Ich kann mittlerweile auf mehrere Tausende Anwendungen zurückblicken und dieses Therapieverfahren jedem, der darunter leidet nur empfehlen. Die intratympanale Kortikodtherapie ist sicher, wirkt und hat nahezu keinerlei Nebenwirkungen! Weil mich diese Therapie schon immer faszinierte, bin ich natürlich interessiert daran, ob es weitere Indikationen oder Anwendungsgebiete für dieses Therapieverfahren der intratympanalen Kortikoidtherapie gibt.

Selbstverständlich führe ich in meiner Praxis auch die intratympanale Gentamicin Therapie bei M. Menière durch. Die betroffenen Patienten berichten von einer deutlichen Besserung der Schwindelsymptomatik nach dieser Behandlung. Das deckt sich auch mit den wissenschaftlichen Ergebnissen weltweit.

Gelegentlich führe ich eine Labyrinthanästhesie bei M. Menière durch. Dabei wird weder Cortison noch Gentamicin (ein Antibiotikum zur Vergiftung des Gleichgewichtsorgans) in das Ohr gespritzt, sondern ein lokales Betäubungsmittel. Schaltet die Gentamicin Therapie das Gleichgewichtsorgan auf Dauer aus („es wird vergiftet“), so führt die Labyrinthanästhesie nur zu einer vorübergehenden Blockade des Gleichgewichtsorgans. Die Labyrinthanästhesie entspricht also einem Reboot beim Computer. Es gibt einige Studien und Erfahrungsberichte, die eine 80-prozentige Schwindelreduktion über 2-3 Jahre nach der Labyrinthanästhesie versprechen. Gerade letzte Woche habe ich wieder eine Labyrinthanästhesie durchgeführt.

Die Studie

Im Zuge dieser Behandlung habe ich mich wieder auf eine Recherche der aktuellen Forschungsergebnisse gemacht und habe eine Studie gefunden, bei der eine Kombination aus Cortison und lokalen Betäubungsmittel durch das Trommelfell ins Mittelohr gespritzt wurde bei chronischem Tinnitus. Die Studie stammt von einer Forschergruppe aus Ägypten aus dem Jahr 2016 und zeigt erstaunliche Ergebnisse bei der Reduktion des Tinnitus.

Insgesamt wurden bei dieser Studie 40 Patienten eingeschlossen. Es folgte eine Unterteilung in je 20 Patienten, die eine echte Behandlung mit der Mischung erhalten haben und eine weitere Gruppe, die als Kontrollgruppe nur ein Placebo (Kochsalzlösung) erhalten haben. Jeder der Patienten erhielt insgesamt vier Injektionen im wöchentlichen Abstand. Weder der ausführende Arzt noch der Patient wussten, ob die echte Mischung oder das Placebo ins Ohr gespritzt wurde. Man nennt dieses Studiendesign „Doppelblindstudie“ und ist gleichzeitig die beste Methode, um eine hohe Aussagekraft der Ergebnisse zu erhalten. Das einzige, was man bei der Studie bemängeln könnte wäre die etwas zu geringe Anzahl der Patienten.

Der Erfolg oder Misserfolg wurde anhand von Hörtests und Fragebögen ermittelt.

Es zeigte sich in der Gruppe, die eine wirksame Lösung erhalten hatte, eine Verbesserung der Symptome in 74,3 % nach zwei Monaten und 78,5 % nach sechs Monaten. Statistisch gesehen wird das Ergebnis als signifikante Besserung bezeichnet. Die Kontrollgruppe erreichte lediglich eine Verbesserung von 26,7-40 %, was dem Placeboeffekt entspricht.

Lassen Sie uns jetzt noch kurz einen Blick auf die Nebenwirkungen der Behandlung werfen. Die intratympanale Kortikoidtherapie, also das Einspritzen von Kortison ins Mittelohr, geht mit sehr wenigen Nebenwirkungen einher. Es kommt kurz nach der Injektion zu einem kurzzeitigen Schwindel, der sich innerhalb von Sekunden wieder zurückbildet. Bleibende Löcher im Trommelfell konnte ich in den letzten 14 Jahren nur bei zwei Patienten beobachten, welches ein Risiko im Promillebereich entspricht. Die Injektion eines lokalen Betäubungsmittels führt jedoch zu einem länger anhaltenden Schwindelgefühl. Alle Patienten in der sogenannten „Verum – Gruppe“ berichteten von einem Schwindelgefühl über durchschnittlich 3 Stunden. Über diese Zeit wurden sie auch beobachtet. Über geringe Übelkeit wurde über die Dauer von 12 Stunden geklagt. Zu einem bleibenden Hörverlust oder Geschmacksveränderung kam es bei keinem der Patienten.

Meine Erfahrungen mit der Labyrinthanästhesie beim Morbus Menière decken sich mit diesen Ergebnissen.

Die Forscher kamen letztendlich zu dem Schluss, dass die intratympanale Injektion eines Gemischs von Kortison und einem lokalen Betäubungsmittel eine interessante Therapiemöglichkeit bei chronischem Tinnitus darstellt, aber noch weiter erforscht werden müsste.(Elzayat u. a. 2016; Sakata und Umeda 1976)

Ablauf in der Praxis

Für mich persönlich stellt diese Therapie eine sinnvolle Ergänzung meiner bisherigen Tinnitustherapie dar und ich denke, dass ich sie in meiner Praxis auch anbieten werde. Sinnvoll erachte ich die Maßnahme vor allem beim einseitigen, sehr stark quälenden (dekompensierten) Tinnitus, der auf die bisherige Therapiemaßnahmen kaum oder unzureichend angesprochen hat. Ungeeignet sind voroperierte Ohren.

Dieses Therapieverfahren ist keine Leistung der gesetzlichen Krankenkasse und sollte aufgrund des Aufwandes in Höhe von 50-70 € je Behandlung (insgesamt vier in vier Wochen) vergütet werden.

Ich hoffe, Sie finden die Ergebnisse dieser Studien genauso interessant wie ich und sie stimmen mit mir überein, dass es eine interessante Ergänzung der bisherigen Therapie darstellt. Die Methode hat überschaubare, sehr geringe Risiken und bietet immerhin eine Verbesserung in 78,5 % der Fälle. Das sind die Ergebnisse der Studie. Ein Erfolgsversprechen kann und will ich nicht geben. Die Chancen stehen für sie persönlich wie immer 50:50. Entweder es hilft bei Ihnen oder leider nicht. Ich kann immer nur eins versprechen, dass mein Team und ich unser Bestes für Sie geben.

Sollte ich nun ihr Interesse geweckt haben, so setzen Sie sich bitte zur Terminabsprache mit meiner Praxis in Verbindung. Nehmen Sie sich an diesem Tag ca. 3-4 Stunden Zeit und bedenken Sie, dass sie nach der Behandlung nicht fahrtüchtig sind und eventuell 2-3 Tage nach jeder Injektion nicht arbeitsfähig sind. Es bietet sich also an, die Therapie an einem Freitag durchzuführen, damit man über das Wochenende wieder regenerieren kann.

Ich wünsche Ihnen von Herzen eine gute Besserung und verbleibe



Mit besten Grüßen



Ihr


Dr. Holger Dewes

Literatur

Elzayat, Saad, Hossam El-Sherif, Hassan Hegazy, Takwa Gabr, und Abdel-Rahman El-Tahan. 2016. „Tinnitus: Evaluation of Intratympanic Injection of Combined Lidocaine and Corticosteroids“. ORL 78 (3): 159–66. https://doi.org/10.1159/000445774.

Sakata, Eiji, und Yoshio Umeda. 1976. „Treatment Of Tinnitus By Transtympanic Infusion“. Auris Nasus Larynx 3 (2): 133–38. https://doi.org/10.1016/S0385-8146(76)80014-4.