Lagerungsschwindel

Lagerungsschwindel: Es dreht sich alles!

Der benigne, paroxysmale Lagerungsschwindel

LagerungsschwindelEin plötzlicher Drehschwindel beim Hinlegen oder Umdrehen, ein Unsicherheitsgefühl beim Bücken, Aufrichten oder Gehen können Anzeichen für einen gutartigen Lagerungsschwindel sein. Gerade wenn der Lagerungsschwindel zum ersten Mal auftaucht, kann er sehr angsteinflößend sein. Man hat das Gefühl, die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren und ein Kontrollverlust gehört zu den Urängsten der modernen Menschen.

Vollkommen verunsichert, was diesen Drehschwindel ausgelöst hat, rufen viele Menschen die Ambulanz und landen im Krankenhaus. Gar nicht so selten werden dann so ziemlich alle Untersuchungen gemacht, welche schön und teuer sind. Viele Betroffene werden ohne erkannte Ursache wieder nach Hause geschickt. Dabei können einfache Tests innerhalb weniger Minuten zur sicheren Diagnose „gutartiger Lagerungsschwindel“ führen.

Nach der Diagnose kann der Patient innerhalb kürzester Zeit behandelt und sogar geheilt werden. Dazu stehen dem Arzt die unterschiedlichsten Lagerungsmanöver zur Verfügung. Es handelt sich dabei und eine Aneinanderreihung von Dreh- und Halteübungen, welche die Ursache des Lagerungsschwindel – die Fehlleitung von kleinen Kristallen im Gleichgewichtsorgan – beheben.

Der gutartige Lagerungsschwindel ist die häufigste Erkrankung des Gleichgewichtsorgans und immerhin hat jeder von uns eine 10 %ige Chance in seinem Leben unter einem Lagerungsschwindel zu leiden. Dummer weise gibt es auch eine relativ hohe Rate an Rezidiven. Als Faustformel gilt, dass 50 Prozent aller, die unter einem Lagerungsschwindel litten, in den nächsten fünf Jahren erneut eine Episode durchmachen.

Zur Geschichte des Lagerungsschwindel

Das Krankheitsbild des gutartigen Lagerungsschwindels wurde erstmals von Adler 1887 beschrieben. Bàràny veröffentlichte 1921 den Fall einer 27 – jährigen Patientin mit den typischen Symptomen eines Lagerungsschwindels. Er nahm damals an, dass es sich dabei um einer Erkrankung des Gleichgewichtsorgans handeln könnte. Auch die Kollegen Dix und Hallpike vermuteten eine so genannte Otolithenstörung als Ursache der Erkrankung. Sie gaben der Krankheit ihren noch heute gültigen Namen: „benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel“

Es gibt aktuell zwei akzeptierte Theorien, wie ein solcher Lagerungsschwindel ausgelöst wird. Die eine wird Canalolithiasis und die anderer Cuplulolithiasis genannt.

Das Wort „benigne“ ist ein Synonym für gutartig und das Wort

„paroxysmal“ = kommt aus dem Griechischen und bedeutet „anfallsartig“. Dieser Terminus beschreibt auch gleichzeitig die wichtigsten Eigenschaften des Lagerungsschwindels. Es ist eine gutartige, anfallsartig wiederholende Störung des Gleichgewichtsorgans.

Vielleicht leiden gerade Sie in diesem Moment unter diesen Beschwerden oder sie kennen jemanden der darunter leidet. Die Verunsicherung muss nicht sein! Ein Experte erkennt innerhalb weniger Minuten die Ursache und kann sie genauso schnell beheben!

Der benigne, paroxysmale Lagerungsschwindel ist eine harmlose, aber für den Einzelnen sehr belastende Erkrankung des Gleichgewichtsorgans und ist bei über 90 Prozent der Betroffenen in den richtigen Händen innerhalb kürzester Zeit zu behandeln.

Ursachen des Lagerungsschwindels

Anders als bei vielen anderen Erkrankungen des Hör- und Gleichgewichtsorgans scheint die Ursache und der Mechanismus eines Lagerungsschwindels nahezu komplett aufgeklärt. Das Verständnis des anatomischen Aufbaus des Vestibularorgans ist Voraussetzung für das Verstehen und die Behandlung des Lagerungsschwindels.

Wo entsteht der Lagerungsschwindel?

Der Lagerungsschwindel entsteht im Gleichgewichtsorgan des Menschen und befindet sich in unmittelbarer Nähe des Innenohres, mit dem es auch verbunden ist. Beide Organe zusammen werden als Labyrinth bezeichnetet. Das Vestibularorgan unterteilt sich in fünf Bestandteile:

drei Bogengänge,
der Utriculus
und der Sacculus

Die drei Bogengänge
3 Bogengänge, die auch als „Cupulaorgane“ bezeichnet werden. Die Bogengänge sind für die Registrierung von Drehbewegungen verantwortlich. Sie sind in die drei Ebenen des Raumes angeordnet und unterteilen sich in einen vorderen, hinteren und seitlichen Bogengang.

Die Bogengänge sind mit Flüssigkeit gefüllt. In jedem dieser Bogengänge gibt es jeweils einen kleinen „Knubbel“ (Ampulla). In diesem „Knubbel“ befinden sich die Nervenzellen, die für die Registrierung der Drehbewegungen verantwortlich sind.

Der Utriculus
Der Utriculus ist für Registrierung der horizontalen Bewegung (vor und zurück) zuständig. Er meldet also dem Gehirn, ob wir uns vor oder zurück bewegen.

Der Sacculus
Der Sacculus registriert die Veränderungen in der vertikalen Ebene, wie wir sie beim Lift-fahren für das Auf und Ab benötigen. Meine Eselsbrücke hier ist: „Wenn man im Fahrstuhl absackt, dann ist der Sacculus dafür zuständig“

Für den Lagerungsschwindel sind nun gerade der Utriculus und der Sacculus sehr interessant. Der Fachmann bezeichnet sie als „Maculaorgane“. Damit die beiden die statischen Veränderungen, wie Vor und Zurück oder Auf und Ab registrieren können müssen sie etwas „beschwert“ werden.

Im Utriculus und Sacculus finden sich Nervenzellen, die in eine gallertartige Masse münden und den so genannten „Otolithen“. Die Otolithen sind feine Kristalle aus Kalziumkarbonat und erhöhen die Dichte der gallertartigen Membran.

Im Jahr 1969 leistete H. F. Schuknecht einen entscheidenden Beitrag zur Klärung der Ursache und Pathogenese der Erkrankung. Bei Autopsien von Patienten mit einem gutartigen Lagerungsschwindel fand er Ablagerungen auf dem so genannten Cupulaorgan im hinteren Bogengang. Dies führte zur ersten Theorie der „Cupulolithiasis“. Verstreute Otolithen würden demnach direkt auf der Cupula der Bogengänge zu liegen kommen und bei Lagenveränderung des Kopfes durch ihre Gravitationskraft einen Drehschwindel verursachen.

Bereits 4 Jahre später musste diese Theorie jedoch begraben werden. Schuknecht und Ruby wiesen darauf hin, dass die kurze Dauer und das wechselnde Auftreten von Ermüdbarkeit von Schwindel und Nystagmus durch die Cupulolithiasis Theorie nicht erklären lassen.

Es scheinen also nicht die einzelnen kleinen Steinchen zu sein, die das Problem verursachen, sondern eher ein „Otolithenpfropf“, der zu Endolymphbewegungen in den Bogengängen führt. Durch Sog oder Druck wird das Cupulaorgan des Bogengangs ausgelenkt und dies führt dann zu den klassischen Symptomen. Diese neue Theorie bezeichneten sie daher als „Canalolithiasis“.

Die Canalolithiasis – Hypothese vermag also die meisten Eigenschaften des gutartigen Lagerungsschwindels besser zu erklären. Bestätigt wurde sie schon mehrfach in Operationen des hinteren Bogengangs. Man fand während der Operation regelmäßig diese Otolithenpföpfe.

Trotz dieser für die meisten Fälle zutreffenden Hypothese gibt es noch offen Fragen, vor allem hinsichtlich der Therapieresistenz bei der die Kombination beider Mechanismen eine Rolle spielen könnten.

In Tierversuchen konnte nachgewiesen werden, dass Otolithen sehr leicht durch lineare oder zentrifugale Beschleunigungen herausgelöst werden können. Aufgrund der anatomischen Nähe werden sie fast immer im hinteren Bogengang angetroffen. Das Vorkommen eines gutartigen Lagerungsschwindels des hinteren Bogenganges bei Patienten mit Schädeltraumata bestätigt diese Untersuchung.

Aber auch ohne äußere Einwirkung können sich die Otolithen lösen und Beschwerden machen. Das Alter scheint hierbei eine wichtige Rolle zu spielen Die Degeneration von Otolithen erklärt vor allem das Auftreten eines gutartigen Lagerungsschwindels im mittleren und höheren Lebensalter.

Die Anzahl der Otolithen soll sich mit zunehmenden Alter verringern (Ross et al. , 1976). Degenerierte Otolithen könnten so spontan in die Bogengänge gelangen. Vor allem wegen der Anatomie ist der hintere Bogengang prädestiniert.

Eine interessante Beobachtung machten Lindsay und Hemenway 1956. Sie entdeckten in ihrer Arbeit mehrere Fälle, bei denen die Symptomatik eines gutartigen Lagerungsschwindels in einem unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang von mehreren Tagen bis mehreren Monaten nach einem akuten, isolierten Vestibularisausfall aufgetreten ist, meistens auf der gleichen Seite wie der Ausfall des Vestibularorgans. Die Erkrankung wird nach deren Entdecker als Lindsay-Hemenway-Syndrom bezeichnet.

Symptome bei Lagerungsschwindel

Bei mir im Bett geht es rund!

Das können die wenigsten ab einem gewissen Alter behaupten, es trifft aber so ziemlich genau das Initialsymptom des Lagerungsschwindels und daraus ergibt sich der somit einzige Vorteil dieser Erkrankung: Sie können vor ihren Freunden/innen etwas angeben ;-).

Okay, Spaß bei Seite, widmen wir uns dem Thema. Ihnen wurde im wahrsten Sinne des Wortes der Kopf verdreht -leider nicht von ihrem attraktiven Mann oder ihrer atemberaubenden Frau, sondern von den kleinen „Steinchen“ bzw. dem Pfropf im Gleichgewichtsorgan.

Die meisten Betroffenen berichten von einem kurzzeitigen, aber heftigen Drehschwindel beim Umdrehen im oder Hinlegen ins Bett. Darauf folgt sehr oft eine längere Phase der Übelkeit, die manchmal sogar in heftigen Erbrechen endet.

Der Schwindel dauert meist ein paar Sekunden oder max. 1-2 Minuten, die einem persönlich aber sehr lange vorkommen können.

Neben der klassischen Symptomatik bei Lagerungsschwindel, existieren noch andere Symptome, die auf einen eventuellen Lagerungsschwindel schließen lassen. Manche Betroffene berichten von kurzzeitigem Schwindel beim Bücken oder Aufstehen. Andere klagen beim Gehen über Unsicherheiten mit und ohne Gangabweichung.

Diese eher unspezifischen Symptome, sollten den Experten aufhorchen lassen und die Untersuchung auf einen eventuellen Lagerungsschwindel sollte erfolgen.

Lagerungsschwindel kann massiv ängstlich und depressiv machen!

Gerade, wenn der Lagerungsschwindel zum ersten Mal auftaucht, kann der Betroffene dies nur sehr schlecht einordnen. Es ergibt sich eine komplett neue Situation, die er oder sie so noch niemals zuvor erlebt hat. Alles dreht sich und man erfährt einen Kontrollverlust über seinen Körper.

Kontrollverlust gehört zu den Urängsten des Menschen. Das Drehen ist dem Bewusstsein unbekannt. Wenn etwas unbekannt ist, wird es als gefährlich eingestuft und – das kommt noch dazu – der Betroffene kann nichts an seiner aktuellen Situation ändern. Der Griff zum Telefon und der Alarmierung des Notarztes ist mehr als verständlich.

Dieses Ereignis frisst sich nun aber in manchen Patienten fest und führt leider zu Vermeidungsverhalten. Tatsächlich gibt es Menschen, die nach dem Ereignis nur noch im Sitzen schlafen auch wenn der Lagerungsschwindel schon lange nicht mehr nachweisbar ist. Andere Patienten lehnen jede Behandlung des Schwindels ab! Lieber ertragen sie die Einschränkungen, die ihnen dieses Krankheitsbild bietet über Jahre oder Jahrzehnte.

Immerhin darf man kein Auto, Fahrrad oder sogar Motorrad bewegen, wenn man unter Lagerungsschwindel leidet.

Dieses starre Vermeidungsverhalten führt dann auch zu Verspannungen im Nacken und zu Blockaden der HWS. Das Krankheitsbild chronifiziert und ein phobischer Schwindel entsteht.

Diesen Patienten kann man nur noch mit einer Verhaltenstherapie, Psychotherapie und Entspannungsverfahren helfen, bevor man eine Krankengymnastik anschließen sollte.

Diagnostisches Vorgehen bei Lagerungsschwindel

Ich werde ihnen hier das Vorgehen in meiner Praxis erläutern. Es wird wohl etwas aufwendiger sein, als bei vielen meiner Kollegen. Ich mache mir aber gerne ein komplettes Bild vom Hör- und Gleichgewichtsorgan. Bei einem akuten, richtig typischen Lagerungsschwindel mit zum Teil heftigen Reaktionen lasse ich nur die Basisdiagnostik durchführen und quäle den/die Betroffene nicht weiter.

Anamnese
Das Wichtigste bei jeder Erkrankung ist und bleibt die Anamnese. Gerade beim Lagerungsschwindel ist diese so typisch, dass man schon fast keine weitere Diagnostik mehr durchführen muss. Wenn der Patient bereits in der Vergangenheit unter einem Lagerungsschwindel litt, dann kann er die Symptome schon selbst deuten und der „Profi“ hat bereits zu Hause die Lagerungsübungen durchgeführt.

Lagerungsprüfung
Es ist DIE Methode zur Diagnostik des gutartigen Lagerungsschwindels. Eine kleine einfache Lagerungsprüfung mit Überwachung der Augenbewegungen führt sehr sicher zur Diagnose eines Lagerungsschwindels. In dem Moment, wenn man den Betroffenen auf eine Seite legt, schaut man sich die Augen an. Entweder sofort (wahrscheinlich bei Cupulolithiasis) oder nach einem kurzen Moment (kann bis zu einer halben Minute dauern – wahrscheinlich bei Canalolithiasis) fangen die Augen an, sich typisch hin und her zu bewegen. Der medizinische Ausdruck für die gerichteten Augenbewegungen ist Nystagmus.

Diesen erkennt man entweder mit bloßem Auge (nicht so sicher), mit einer so genannten Frenzelbrille oder sogar mit einer Videokamera.

Zur genaueren Überprüfung und Lokalisation des gutartigen Lagerungsschwindels des vorderen und hinteren Bogenganges eignen sich entweder die Lagerungsprüfung nach Hallpike-Stenger oder Hallpike – Dix.

Hallpike Stenger Manöver
Der Patient sitzt aufrecht mit gestreckten Beinen auf der Untersuchungsliege. Der Kopf wird um 45 Grad zur betroffenen Seite gedreht. Im Anschluss erfolgt die rasche Lagerung in die Rückenlage, wobei der Kopf über das Ende der Liege herausragen muss (Kopfhängelage).

Dix Hallpike Manöver
Bei diesem Manöver sitzt der Patient aufrecht auf der Liegenkante, dem Untersucher direkt gegenüber. Der Kopf wird um 45 Grad zur Seite des nicht betroffenen Ohres gedreht. Dann wird der Patient rasch auf die erkrankte Seite gelagert. Auch hierbei sollte der Kopf die Liege überragen (seitliche Kopfhängelage). Nach Abklingen der Beschwerden (Schwindel, Nystagmus) wird der Patient wieder in die sitzende Position gebracht.

Beurteilung der Ergebnisse:
Einseitiger Befall des hinteren Bogenganges:
Bei der einseitigen Erkrankung des hinteren Bogenganges kommt es nach einigen Sekunden zu einem Nystagmus (schnelle, gerichtete Augenbewegungen), der zur betroffenen Seite, also zur Erde schlägt (=“geotroper Nystagmus“). Typischer Weise ist er stark rotierend und wiest eine an- und absteigende Phase auf. Dies entspricht auch der Schwindelempfindung. Der Schwindel und der Nystagmus dauern nicht länger als eine Minute!

Einseitiger Befall des vorderen Bogenganges:
Bei dem Lagerungsschwindel des vorderen Bogenganges handelt es sich um eine sehr seltene Form. Der Nystagmus ist entgegengesetzt zum Befall des hinteren Bogenganges. Er schlägt in Richtung des Kinns des Patienten.

Die Lagerungsprüfungen sollten recht zügig erfolgen. Abruptes Abbremsen des Kopfes erhöht die Wahrscheinlichkeit, einen Nystagmus zu sichern, aber auch die Intensität des Schwindels.

Der Untersucher sollte auf heftigste Reaktionen vorbereitet sein. Der Schwindel kann zu Erbrechen führen. Die menschliche Zusprache an den Patienten ist enorm wichtig und gibt ihm zusätzlichen halt. Bedenken sie, dass sich der Patient vor den Schwindelanfällen stark fürchtet!

Erschwert wird die Untersuchung durch den Mechanismus der Habituation. Das heißt, dass sich der Nystagmus nicht immer zeigt, vor allem, wenn zuvor bereits Untersuchungen stattgefunden haben. Daher sollte die Untersuchung auf Lagerungsschwindel VOR allen anderen Untersuchungen erfolgen.

Audiologische Diagnostik
Als HNO Arzt sollte bei jeder Form des Schwindels auch eine Hördiagnostik durchgeführt werden. Hinter einem Lagerungsschwindel können sich zeitgleich auch andere Erkrankungen des Hör- und Gleichgewichtsorgans verstecken. Gerade Patienten mit Morbus Menière haben häufiger einen Lagerungsschwindel.

Videokopfimpulstest
Eine sehr moderne und effektive Art der Gleichgewichtsdiagnostik ist der Videokopfimpulstest. Dabei trägt der Patient eine Brille, in der eine Kamera angebracht ist, die Augenbewegungen aufzeichnet, und wird angewiesen einen Punkt auf einer ca. 1,50 Meter entfernten Wand zu fixieren.

Der Untersucher steht hinter dem Patienten und bewegt mit kurzen, schnellen Bewegungen den Kopf um circa 10 Grad nach rechts und 10 Grad nach links. Wenn die Augen nicht der Kopfbewegung widerstehen können, oder sich sogar zurückstellen müssen, dann hat das betreffende Gleichgewichtsorgan ein Problem.

Man kann so die Funktion jedes einzelnen Bogengangs innerhalb von zehn Minuten testen.

Nicht selten kommt es vor, dass Patienten mit Lagerungsschwindel zusätzlich unter einer Funktionsstörung (Entzündung?) des Gleichgewichtsorgans/- nerven leiden. Man entdeckt dies entweder im Videokopfimpulstest oder in der Elektronystagmographie.

Video-/Elektronystagmographie
Die Video- oder Elektronystagmographie ist die klassische Untersuchungsmethode für das Gleichgewichtsorgan. Durch eine thermische Reizung des Ohres (Wasser oder Luft) werden typische Augenbewegungen ausgelöst. Dies Nystagmen werden dann entweder durch Elektroden oder durch eine Videokamera registriert und gezählt. Weicht die Anzahl der Augenbewegungen der einen von der anderen in einem gewissen Maß ab, dann kann man auf eine Fehlfunktion des Gleichgewichtsorgans schließen.

Gerade beim Lagerungsschwindel, beobachtet man des Öfteren auch eine Unterfunktion des betreffenden Gleichgewichtsorgans. Hier ist eventuell eine zusätzliche medikamentöse Therapie z.B. mit einem absteigenden Kortikoidschema sinnvoll.

Hirnstammaudiometrie
Bei der Hirnstammaudiometrie oder auch BERA genannt werden die Ohren mit bestimmten Klickimpulsen stimuliert und mit Hilfe von Elektroden eine Art ENG registriert. Durch einen komplizierten Algorithmus berechnet der Computer dann die Zeit, die der Schall vom Innenohr bis ins Gehirn benötigt. Die Art der Analysekurven und die Zeitdifferenz können ein Hinweis auf ein Problem am Hör- und Gleichgewichtsnerv sein.

Beim akuten Lagerungsschwindel ist diese Untersuchung sicherlich entbehrlich.

Bildgebende Verfahren
Auf bildgebende Verfahren kann man bei typischer Anamnese und Lagerungsprüfung komplett verzichtet werden. Bei wiederkehrenden Problemen kann eine Kernspintomographie zum Ausschluss von zentralen Störungen oder ein hochauflösendes Felsenbein – CT zum Ausschluss einer Dehiszens des Bogengangs sinnvoll sein.

Behandlung des Lagerungsschwindel

Die Behandlung des gutartigen Lagerungsschwindels
Der gutartige Lagerungsschwindel (eng. Benign Paroxysmal Positional Vertigo (BPPV)) ist die häufigste Erkrankung des Gleichgewichtsorgans. Ca. 10 % aller Menschen erkranken während ihres Lebens an einem Lagerungsschwindel. Er ist charakterisiert durch einen Drehschwindel, der durch eine Veränderung der Kopflage insbesondere durch Kopfdrehung oder Neigung hervorgerufen wird.

Es gibt aktuell zwei akzeptierte Theorien, welche als Ursache eines Lagerungsschwindels gelten. Ich habe Ihnen diese Theorien unter Ursachen des Lagerungsschwindels erläutert.

Abhängig davon welcher Bogengang des Gleichgewichtsorgans betroffen ist, existieren spezielle Befreiungsmanöver um den Lagerungsschwindel innerhalb kürzester Zeit zu beheben. Beginnen wir zunächst mit der Behandlung des am häufigsten betroffenen Bogengangs, dem hinteren Bogengang.

Behandlung des hinteren Bogengangs
Die „Fehlleitung von Kristallen“ in den hinteren Bogengang ist die häufigste Art des gutartigen Lagerungsschwindels. Es betrifft insgesamt 80-90 % aller Fälle. Diagnostisch bedeutend ist dabei der Nystagmus, der beim Dix- Hallpike- Manöver auftritt.

Die Befreiungsmanöver nach den Erfindern Epley und Semont haben in den vergangenen Jahren in vielen Studien bewiesen, dass sie nahezu 100 % der Fälle zu einer Heilung bei dieser Art des Lagerungsschwindels führen. Die früher und auch noch von einigen ersten heute empfohlene Übung nach Brandt-Daroff, welche allein darauf beruht den Kopf von rechts nach links zu legen, ist bei weitem nicht so effektiv wie die Übungen nach Epley und Semont. Die Brandt-Daroff-Übung wurde eigentlich zum Zweck der Gewöhnung erfunden.

Ich verwende die Brandt- Daroff- Übung meist im Anschluss an eine erfolgreiche Behandlung, damit der Patient wieder Vertrauen zu seinem Körper erlangt und sich wieder mehr an Bewegungen zutraut.

Diese Übungen ermöglichen in den meisten Fällen eine rasche und für den Patienten eindrucksvolle Behandlung. Grundlage ist eine Rückführung der in den einzelnen Bogengängen „verlorengegangenen“ Teilchen aus den Bogengängen in den Utriculus.

Ich zeige Ihnen jetzt, wie sie mit 2 kleinen Übungen innerhalb der nächsten 10 Minuten gesund werden können!!!

Semont Manöver für die rechte Seite



1. Schritt: Setzen Sie sich aufrecht auf die Bettkante.
2. Schritt: Drehen Sie Ihren Kopf nach rechts.
3. Schritt: Legen Sie Sich mit Schwung auf die linke Seite. Dabei kann es zu einem Schwindel kommen. Stehen Sie diesen durch und sie werde letztendlich belohnt. Bleiben Sie in dieser Lage für 2-3 Minuten. Keine Sorge der Schwindel wird nicht so lange dauern. Vielleicht bitten Sie jemanden um Hilfe.
4. Schritt: Schnelle Seitwärtslagerung nach rechts (um 180 Grad, zur gesunden Seite). Die Kopfstellung bleibt wiederum unverändert. Sie landen auf Ihrer rechten Wange. Auch hier kann es nach einer kurzen Latenz zu Schwindel kommen.
Behalten sie auch diese Position für 2-3 Minuten!
5. Schritt: Richten Sie sich wieder auf und setzen sich auf den Rand der Liege. Bleiben sie hier für 3-5 Minuten, bis sich das “System” wieder normalisiert hat. Trinken Sie ein Glas gutes Wasser!

Hier habe ich für Sie noch ein Video gedreht. Bitte beachten Sie, dass Sie die einzelnen Schritte 3 Minuten einhalten sollten!

Semont Manöver zum Download und Ausdrucken


Semont Manöver rechte Seite [3.049 KB]

Semont Manöver linke Seite [16.151 KB]

Epley Manöver

Bei dieser Übung setzen sie sich zum Beispiel auf ihr Bett. Sie können eine eingerollte Decke oder ein
gerolltes Handtuch als Unterstützung der leichten Kopfhängelage unter ihre Schultern legen.

Zur Abwechslung demonstriere ich Ihnen hier die linke Seite. Wie gewohnt erhalten Sie die rechte Seite weiter unten zum Download.

Epley Manöver



1. Sie sitzen aufrecht mit gestreckten Beinen
2. Der Kopf wird um 45 Grad nach LINKS
gedreht.!
3. Im Anschluss erfolgt die rasche Lagerung in die Rückenlage, wobei der Kopf über das Ende der Liege herausragen muss (Kopfhängelage).
Verweildauer bis der Nystagmus und der Schwindel aufgehört hat oder mindestens 30 Sekunden bis 1 Minute!!
4. Der Patient dreht den Kopf schnell um 90 Grad
zur RECHTEN Seite und verweilt in dieser
Position erneut ca. eine Minute.!
5. a) Jetzt legt sich der Patient auf die RECHTE
Seite und lässt den Kopf in der zuvor
eingenommenen Position. Liegedauer 1 Minute!
b) dann lassen Sie die Füße heraushängen und..!
6. Aufsetzen in die aufrechte Sitzposition

Epley Manöver Video rechte Seite

Epley Manöver zum Ausdrucken

Epley Manöver rechte Seite [304 KB]

Epley Manöver linke Seite [13.105 KB]

Alternative Übungen

Die Erfolgsrate der obigen Befreiungsmanöver ist sehr hoch – nahezu 100%. Nur wenige Patienten müssen mehr als zweimal behandelt werden. Rezidive kommen jedoch vor. Auch Spontanremissionen werden beobachtet.

In der Praxis trifft man selten auf therapieresistente Fälle. Im Falle einer Therapieresistenz ist eine bildgebende Diagnostik bzw. eine Vorstellung beim Facharzt für Neurologie zu empfehlen, um zentrale Störungen auszuschließen.

Sakata prägte 1971 den Begriff des malignen paroxysmalen Lagerungsschwindels, der bei zentralen Schädigungen vorkommt und 1987 den des pseudo- benignen paroxysmalen Lagerungsnystagmus, der bei Kleinhirnstörungen beobachtet wurde.

Lässt sich das Befreiungsmanöver aus Gründen extremer vegetativer Reaktionen (massive Übelkeit und Erbrechen) nicht durchführen, empfiehlt sich zunächst die Durchführung des Lagerungstrainings nach Brandt und Daroff (1980).

Die Brandt- Daroff- Übung

Die Brandt Daroff Übung ist eigentlich kein klassisches Befreiungsmanöver. Sie soll eher das Gleichgewichtsorgan an die Fehlfunktion „gewöhnen“. Ich wende sie in meiner Praxis an, wenn weiterhin uncharakteristische Beschwerden bestehen und ein Lindsay- Hemenway- Syndrom ausgeschlossen werden.

Die regelmäßige Durchführung dieser eher unspezifischen Übung gibt dem Betroffenen wieder vertrauen zu seinem Körper.

Als Beispiel habe ich für Sie wieder die rechte Seite ausgewählt. Weiter unten finden Sie die Übung auch für die linke Seite als PDF – Download.

Brandt Daroff Übung

1. Setzen Sie sich auf die Kante ihres Bettes oder Sofas.
2. Legen Sie sich zunächst schnell auf die Seite Ihres Schwindels. Beachten sie dabei, dass der Kopf in gerader Position bleibt. Halten Sie diese Stellung so lange, bis der auftretende Schwindel aufhört.
3. Setzen sie sich wieder aufrecht. Warten Sie etwas, es kann erneut zu einem Schwindel kommen! Ist dieser wieder verschwunden, geht es weiter.
4. Legen Sie sich nun auf die gesunde Seite und warten Sie erneut, ob ein Drehschwindel auftaucht. Sollte dies der Fall sein, warten Sie, bis dieser aufhört.
5. Setzen Sie sich wieder aufrecht hin. Die Übung ist damit beendet.

Brandt Daroff Übung zum Ausdrucken


Brandt Daroff Übung für die rechte Seite [245 KB]

Brandt Daroff Übung für die rechte Seite [244 KB]

Bei einer Therapieresistenz ohne den Nachweis einer zentralen Störung sind Occlusionsoperationen des hinteren Bogenganges durchgeführt worden. Dabei wird der Betroffene Bogengang operativ verschlossen.

Den Therapieerfolge prüfen wir nach ca. 48 Stunden mittels Lagerungsmanöver. Bis dahin sollten bewusst Lageänderungen vermieden werden. Man sollte nach Möglichkeit auch mit erhöhtem Oberkörper schlafen.

Bemerkenswert ist, dass viele Patienten nach erfolgreichem Lagerungsmanöver für mehrere Stunden oder Tage einen Schwindel wahrnehmen, der einem Otolithenschwindel ähnelt und von dem beim Lagerungsschwindel empfundenen deutlich unterschieden werden kann.

Lindsay Hemenway Syndrom

Beim Lindsay Hemenway Syndrom [4] besteht eine Kombination aus einem Lagerungsschwindel und einer zusätzlichen Unterfunktion des Gleichgewichtsorgans der betroffenen Seite (nachweisbar durch eine Video-/Elektronystagmographie – manchmal auch Neuritis vestibularis genannt). Die Ursache wurde von den Erstbeschreibern in einer Durchblutungsstörung des Gleichgewichtsorgans gesehen. Man sollte bei den Patienten daran denken, welche trotz erfolgreicher Behandlung (kein Nystagmus bei Lageänderung) weiterhin Symptome von Schwindel oder Unsicherheit zeigen, die von der Norm abweichen.

Diese Patienten kann man durch eine Video- oder Elektronystagmographie identifizieren. Da ich in meiner Praxis diese Untersuchung oft durchführe, finde ich diese auftauchende Problematik gar nicht so selten.

Die Betroffenen werden dann angewiesen bestimmte Übungen zur Rehabilitation des betreffenden Gleichgewichtsorgans durchzuführen. Zusätzlich kann die Gabe von ASS 100 erfolgversprechend sein [5] – Diese habe ich jedoch noch nie benötigt. Ich kontrolliere die Patienten nach 6-8 Wochen und in den meisten Fällen haben sich die Beschwerden danach deutlich gebessert oder sind sogar verschwunden.

Übungen zur Rehabilitation des Gleichgewichtsorgan

Sollte der HNO Arzt zusätzlich zu einem Lagerungsschwindel eine so genannte "Untererregbarkeit" eines Gleichgewichtsorgans festgestellt haben, so führen die folgenden Übungen in vielen Fällen schneller zu einer Rehabilitiation.

Ich empfehle diese Übungen auch bei einer so genannten Neuritis Vestibularis (Ausfall eines Gleichgewichtsorgans).

Training zur Rehabilitation RECHTS



Ausgangsposition

1. Rechten Arm nach vorne strecken und Daumen hoch!
2. Den Daumen mit den Augen fixieren.
Training für den seitlichen Bogengang der rechten Seite:
1. Sehr schnelle Kopfdrehung nach rechts. (Dabei immer den Daumen mit den Augen fixieren!)
2. Sehr langsame Kopfdrehung zurück in die Ausgangsposition mit weiterhin festem Blick auf den Daumen.
Training für den vorderen Bogengang der rechten Seite:
Stellen sie sich vor auf ihrer rechten Stirn wächst ein gerades, ca. 20 cm langes Horn, wie bei einem einseitigen Einhorn. Dann führen sie diese Übung durch:
1. Ausgangsposition siehe oben.
2. Jetzt bewegen Sie mit einer schnellen Kopfbewegung ihr imaginäres Horn in Richtung des Daumens. Die Augen bleiben während der gesamten Übung auf den Daumen fixiert.
3. Danach bewegen Sie den Kopf wieder ganz langsam in die gerade Ausgangsposition.
Training für den hinteren Bogengang der rechten Seite:
„Legen Sie Ihr Ohr auf das Schulterblatt der betroffenen Seite!“
1. Ausgangsposition siehe oben
2. Jetzt versuchen Sie Ihr Ohr auf das rechte Schulterblatt zu legen. Das Kinn wird dabei angehoben. Die Augen bleiben während der gesamten Übung auf den Daumen fixiert.
3. Danach bewegen Sie den Kopf wieder ganz langsam in die gerade Ausgangsposition.

Zum guten Schluss

Wenn Sie es wirklich bis hierher geschafft haben...

Sie sind bei Ihrem HNO Arzt für den Lagerungsschwindel in den besten Händen!

Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit meinen Angaben behilflich sein und verbleibe

mit den besten Genesungswünschen

Ihr

Dr. Holger Dewes

Literatur

1) Adler A. Über den «einseitigen Drehschwindel». Dtsch Z Nerven- heilkd 1897;11:358-75.
2) Bárány R. Diagnose von Krankheits- erscheinungen im Bereiche des Otolithenapparates. Acta Otolaryn- gol 1920;2:434-7
3) Große Teile des Textes verdanke ich den Veröffentlichungen von PD Dr. Leif-Erik Walther.
4) Lindsay JR, Hemenway WG (1956) LVII Postural Vertigo Due to Unilateral Sudden Partial Loss of Vestibular Function. Ann Otol Rhinol Laryngol 65:692–706 . doi: 10.1177/000348945606500311
5) Gkoritsa EZ (2016) The Lyndsay-Hemenway Syndrome: Two Case Reports. Review and Comments. 5